Warum wir Tourismusgeographie brauchen – ein Plädoyer

Ergebnisse einer Podiumsdiskussion am DKG 2019 in Kiel

Marius Mayer (Innsbruck), Nadine Scharfenort (Trier); Foto: Ina Voshage

Der Beitrag wurde erstmals im Rundbrief Geographie 285 (Juli 2020, S. 21-27) veröffentlicht.

Bekanntlich stellt der VGDH seit dem Spätsommer 2019 vom analogen „Wer ist wo?“ auf die webbasierte Plattform Geographie.online um. Auch die VerfasserInnen dieses Beitrags folgten der Erinnerungsmail des GEO-Büros Anfang Januar 2020 mit der Aufforderung, ihr Profil zu vervollständigen. Leider fand sich in der langen Auswahlliste bei „Expert*in für“ kein Stichwort, das die Begriffe „Tourismus“ oder „Freizeit“ in irgendeiner Wortkombination enthielt – lediglich in der Rubrik „thematische Arbeitsbereiche“ bestand die Möglichkeit, „Tourismusforschung“ und „Geographische Tourismusforschung“ zu benennen. Schließlich scheiterte die Angabe der „Mitgliedschaft in Arbeitskreisen“ daran, dass der AK Tourismusforschung in der DGfG e.V. (AKTF) (zunächst) nicht gelistet war…

Die Reaktionen, welche die VerfasserInnen häufig erlebt haben, wenn sie unter KollegInnen, bei Vorstellungsgesprächen für Positionen oder bei Fachvorträgen ihre tourismusgeographischen Forschungsaktivitäten erwähnten, spiegelten sich nun auch in der Erfahrung, diese nicht einmal in der Datenbank der eigenen „Innung“ deklarieren zu können. Nicht zuletzt machte sich die Sorge breit, wie es überhaupt mit der Zukunft dieser Forschungsrichtung innerhalb der deutschsprachigen Mutterdisziplin aussieht, wenn selbst der VDGH die Tourismusgeographie als obsolet einstuft. Oder gibt es gar keine Zukunft für die Tourismusgeographie, wie immer mal wieder von FachkollegInnen postuliert?

Genau diesem Dilemma der disziplininternen Rezeption und Zukunft tourismusgeographischer Forschung widmete sich eine von den VerfasserInnen für den DKG 2019 in Kiel initiierte und moderierte Podiumsdiskussion –– mit dem Titel „Quo vadis Tourismusgeographie? – Theorien, Konzepte und empirische Befunde zum Stand einer Disziplin, die 1969 noch nicht existierte“. Eröffnet wurde das Podium mit einem Impuls-Beitrag durch Hans Hopfinger (Eichstätt), der als langjähriger Sprecher des AK Tourismusforschung die Entwicklung der tourismusgeographischen Forschung im deutschsprachigen Raum Revue passieren ließ. Es diskutierten anschließend Werner Gamerith (Passau, Präsident der DGfG), Werner Gronau (Stralsund, Perspektive der Fachhochschulen), Marion Karl (Brisbane/München, Vertreterin des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie einer internationalen Perspektive), Frauke Kraas (Köln, Außenperspektive auf Tourismusgeographie) sowie Dieter K. Müller (Umeå, Vorsitzender der IGU Commission on Tourism, Leisure and Global Change, internationale Perspektive).

Zum nationalen und internationalen Reputation von Tourismusgeographie

Die Tourismusgeographie ist als wissenschaftliche Disziplin mit mehreren Paradoxien konfrontiert: Tourismus ist einerseits ein Phänomen, dem sich kaum jemand entziehen kann, an dem fast jeder aktiv oder zumindest passiv partizipiert (hat) und das daher von einer breiten Wahrnehmung getragen wird sowie im medialen Fokus steht. Die globalen Reiseströme, ökonomische Bedeutung sowie Folgeeffekte (z. B. Overtourism, Touristifizierung von Stadtquartieren) haben stets neue Höhepunkte erreicht ‑ zumindest bis zum Ausbruch der globalen COVID-19-Pandemie. Die sog. Corona-Krise zeigt beispielhaft auf, wie sehr touristische Mobilität auf der einen Seite zur raschen, globalen Verbreitung der Pandemie beitrug, wie groß auf der anderen Seite aber auch die Vulnerabilität der Branche und der von ihr abhängigen Regionen und Gemeinden ist, da der globale Reiseverkehr im Zuge der lock-down Maßnahmen beinahe vollständig zum Erliegen gekommen ist (Gössling et al. 2020). Die geradezu hektischen Naherholungsaktivitäten vieler MitbürgerInnen nach den ersten Lockerungen der COVID-19-bedingten Einschränkungen verdeutlichen zusätzlich, wie sehr Mobilität und Reisen in der Freizeit in unserer Gesellschaft offenbar als menschliches Grundbedürfnis wahrgenommen werden.

Andererseits nimmt die Bedeutung der deutschsprachigen Tourismusgeographie – beispielsweise gemessen an Professuren und spezifischen Studiengängen – sukzessive ab, und die akademische Ausbildung verlagert sich zunehmend in den Verantwortungsbereich von Fachhochschulen (FH). Dadurch hat sich in eine Negativ-Spirale in Gang gesetzt, so dass es der tourismusgeographischen Community inzwischen an kritischer Masse mangelt, Themenaspekte zu besetzen und auch neuere Theorieanstöße adäquat zu berücksichtigen, weil der einschlägig sozialisierte akademische Nachwuchs sich weder mit tourismusgeographischen Themen beschäftigt, noch während der Ausbildung Zugang zu diesen erhält. Dieses Dilemma ist einerseits auf ein schlechtes Image und Standing der Tourismusgeographie innerhalb der Mutterdisziplin zurückzuführen und andererseits auf externe und interne bildungspolitisch-strategische Entscheidungen, Professuren an Universitäten zwar in der Regel neu, aber nicht mit tourismusgeographischen Inhalten nachzubesetzen, worunter letztlich auch das Angebot an einschlägigen Studiengängen und damit die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses leidet. Doch wie kommt es, dass von tourismusgeographischen VertreterInnen so häufig die fehlende Anerkennung innerhalb der eigenen Disziplin beklagt wird?

Auf internationaler Ebene nämlich genießt die Tourismusgeographie Anerkennung, Reputation und Akzeptanz, zählt bei vielen Fachkonferenzen (z. B. IGU) zu den stärkeren Subdisziplinen mit zum Teil eigenen Kommissionen (z. B. IGU Tourism Commission), und internationale Tourismus-Journals erreichen häufig höhere Impact-Faktoren als geographische Zeitschriften (z.B. Tourism Management, Annals of Tourism Research, Journal of Travel Research, Current Issues in Tourism, Journal of Sustainable Tourism, Tourism Geographies).

International betrachtet ist die große Bedeutung und Abhängigkeit von Tourismus im Bewusstsein zahlreicher Akteure aus Politik, Wirtschaft und Forschung verankert, und in zahlreichen Ländern wurden Ministerien ausschließlich für Tourismusangelegenheiten (z.B. Brasilien, Indien, Indonesien, Israel, Kroatien, Libanon, Mauritius, Neuseeland, Pakistan, Oman) sowie Institutionen mit Stellen für entsprechende fachliche Kompetenz eingerichtet und Finanzierungen gesichert. Dadurch entfällt auch der im deutschsprachigen Kontext häufige Rechtfertigungszwang, und als sich selbstverstärkender Prozess ziehen erfolgreiche ForscherInnen weitere Kapazitäten an oder bilden diese aus, wodurch sich langfristig eine Forschungstradition und internationales Renommee bilden.

In Deutschland hingegen zeigen sich wesentliche strukturelle Schwächen bereits durch diffuse Verantwortlichkeiten für Tourismus und tourismusbezogene Forschung: So existiert kein eigenes Bundesministerium, auch nicht auf der Ebene der Bundesländer – vielmehr fällt Tourismuspolitik aktuell in den Verantwortungsbereich des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWI), dort ist aber lediglich ein Referat (VII A4, im Rahmen der Abteilung VII Mittelstandspolitik) für die Tourismuspolitik zuständig. Auch die Tourismusforschung zerfällt in zwei durchaus konkurrierende Wissenschaftsorganisationen, nämlich die Deutsche Gesellschaft für Tourismuswissenschaft e.V. (DGT) und den Arbeitskreis Tourismusforschung in der DGfG e.V. (AKTF).

In der internationalen Community der Tourismusforschung vertreten sind auch GeographInnen von Universitäten aus dem deutschsprachigen Raum in ihren jeweiligen Vertiefungsrichtungen (Müller 2019a). Hinzu kommt, dass sich eine Reihe von deutschsprachigen TourismusforscherInnen – wenn auch nicht alle mit akademischem Hintergrund aus der Geographie – erfolgreich an Universitäten im Ausland etabliert haben und durchaus als führende FachvertreterInnen assoziiert werden, wie etwa Susanne Becken (Griffith University/Australien), Carolin Funck (Hiroshima University/Japan), Stefan Gössling (Lund University/Schweden), Rudi Hartmann (University of Colorado Denver/USA) oder Dieter K. Müller (Umeå Universitet/Schweden). Als zunehmend problematisch erweist sich allerdings, dass tourismusgeographische Forschung inzwischen auch im internationalen Kontext eine schwache Stellung innerhalb der Mutterdisziplin beklagt und immer weniger in geographischen Instituten ausgeübt wird (Müller 2014) – während die geographisch-räumliche Perspektive (!) innerhalb der Tourismusforschung große Bedeutung erlangt hat (Hall 2013).

Die Studie zum Image der Geographie in der deutschen Öffentlichkeit (2013) im Auftrag der DGfG hat zum Teil ernüchternde Ergebnisse zum Vorschein gebracht (Gans/Hemmer 2015), und Expertisen und Kompetenzen der Geographie werden auch in der schulischen Ausbildung stark unterschätzt – was beispielsweise die Diskussion um eine Abschaffung von „Erdkunde“ als Schulfach in Hessen unterstreicht. Paradox ist dabei, dass Themen mit tourismusgeographischem Bezug, die für viele Schüler einen einfachen lebensweltlichen Zugang aus ihrer eigenen Alltagsrealität bedeuten, in Lehrplänen unterschiedlicher Jahrgangsstufen der Sek I/II verankert sind, die universitäre geographische Lehrerausbildung an den Universitäten diese jedoch aufgrund des Mangels an fachlichen Kompetenzen kaum oder nur am Rande bedienen kann.

Die deutsche Tourismusgeographie pflegt trotz ihrer lebensweltlichen Potentiale ein Schattendasein im Vergleich zu anderen Teildisziplinen, und die große gesellschaftliche Relevanz spiegelt sich nur partiell in der Forschung wider. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Tourismus ist für einen öffentlichen Diskurs prädestiniert da sie auch für Laien verständlich und anschlussfähig ist – doch die Krux dabei ist, dass Tourismusforschung in akademischen Kreisen häufig nicht ernst genommen und auf eine „Schönwetterwissenschaft“ reduziert wird – noch häufiger allerdings geschieht dies durch naturwissenschaftlich ausgerichtete Disziplinen.

Die tourismusgeographische Community ist an der entstandenen Situation nicht unbeteiligt und schuldlos, wie selbstkritische Wortmeldungen sowohl vom Podium als auch aus dem Publikum zeigten: Zu lange wurde von zu vielen TourismusgeographInnen der Schwerpunkt auf tendenziell deskriptive und theoretisch weniger fundierte Arbeiten gelegt. Tourismusgeographische Forschung war und ist immer noch (zu) häufig auf die Bedürfnisse der Tourismusbranche zentriert – nicht zuletzt aufgrund der Finanzierung anwendungsbezogener Projekte durch regionale Akteure. Dabei wird sie jedoch dem sozialen Phänomen Tourismus nicht immer gerecht, das auch dessen negative Aspekte miteinschließt. Eine intensive und tiefgründige Auseinandersetzung damit würde unter Umständen mit dem von Außenstehenden gern gepflegten Vorurteil der „Forschung, wo andere Urlaub machen“ aufräumen. Ferner müsste es Ziel sein, Gesellschaft und Umwelt und deren besondere Beziehung zueinander als Forschungsobjekte zu begreifen und darüber nachzudenken, welche Rolle der Tourismus in diesem Zusammenhang spielt. Es fehlt häufig die Kontextualisierung, also die Relation, in der Tourismus zu etwas steht, seien es beispielsweise die lokale Bevölkerung oder alternative wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten am gleichen Standort. Tourismus muss als System in seiner vollen Komplexität und starken Vernetzung wahrgenommen und analysiert werden. Wesentlich ist zudem, die tourismusgeographische Perspektive in andere Themenbereiche zu integrieren, um für andere Subdisziplinen attraktiver zu werden: So muss etwa die Stadtgeographie heutzutage unbedingt den urbanen Tourismus berücksichtigen (siehe auch Müller 2019b). Das gilt auch für den populären Aspekt Klimawandel, dessen Analyse zu kurz greift, wenn der Faktor Tourismus als Verursacher und Betroffener zugleich nicht mitgedacht wird. Dito sind viele Naturschutzthemen mit freizeit- und tourismusgeographischen Sachverhalten eng gekoppelt, positiv wie negativ. Passenderweise wird die Jahrestagung des AK TF im März 2021 in Eichstätt das Thema „Gesellschaftliche Naturverhältnisse und Tourismus“ haben.

Theoretische Debatten und Forschungsoutput

Dass die Tourismusgeographie bisweilen als „theorielos“ und „wenig innovativ“ abgetan wird, liegt sicherlich auch daran, dass viele theoretische Debatten der deutschsprachigen Humangeographie, insbesondere der inzwischen die Humangeographie dominierende Mainstream der Neuen Kulturgeographien (NKG; Steinbrink/Aufenvenne 2017), bislang kaum aufgegriffen wurden. Auch hat die Tourismusgeographie in jüngerer Zeit kaum qualitativ hochwertigen kulturwissenschaftlichen Forschungsoutput geliefert. Die Tourismusgeographie täte also sehr gut daran, wieder vermehrt theoretische Anschlussfähigkeit im Fach herzustellen! Es wäre jedoch zumindest merkwürdig, wenn der Rest des Faches dies als conditio qua sine non betrachtete, bevor man sich wieder mit Tourismus-Themen befasst. Umgekehrt könnte man mit gleichem Recht nämlich auch das ostentative Desinteresse weiter Teile der NKG, aber auch der Wirtschaftsgeographie, an tourismusgeographischen Fragestellungen kritisch hinterfragen: Wieso wird das gesellschaftliche Phänomen Tourismus bzw. die global wie lokal bedeutsame Branche weitgehend aus Forschungsanstrengungen ausgeklammert?

Zudem ist vielleicht nicht jede theoretische Debatte auch fruchtbar für die Tourismusgeographie. Theorieorientierung darf daher kein Selbstzweck sein, sondern unserer Auffassung nach sollte man von relevanten und durchaus auch praxisorientierten Forschungsfragen ausgehend prüfen, welche Theorieansätze und Methoden helfen, diese Fragen zu beantworten. Der AKTF versucht in jedem Fall seit einigen Jahren eine verstärkte Öffnung zu anderen Teilen der Humangeographie zu erreichen, wie gemeinsam mit anderen Arbeitskreisen (z.B. AK Stadtzukünfte, Freiburg/Breisgau 2019) organisierte Jahrestagungen zeigen.

Zudem sollte bei aller berechtigter (Selbst-)Kritik nicht übersehen werden, dass die Tourismusgeographie sehr wohl wesentliche Beiträge liefert. So fungierte sie als Vorreiterin in der Nachhaltigkeitsforschung. Bereits 1996 erschien das erste deutschsprachige Lehrbuch zu „Tourismus und Nachhaltigkeit“ (Becker et al. 1996). Bereits lange bevor sich die Evolutionary Economic Geography seit Mitte der 2000er Jahre herausgebildet hat, war die Tourismusgeographie mit einer evolutionären Perspektive vertraut (z. B. Destinationslebenszyklus-Modell, Butler 1980). In den 2010er Jahren haben sich daher etliche Synthese-Ansätze einer evolutionären Wirtschaftsgeographie des Tourismus entwickelt.

Akademische Ausbildung und (Tourismus-)Politik

Die Verlagerung der akademischen Tourismusausbildung an die nach wie vor expandierenden FHs ist aus Arbeitsmarktperspektive nachvollziehbar – denn viele Themenbereiche, etwa die tourismusbezogene BWL, kann und sollte die Tourismusgeographie auch nicht abdecken –, sie schwächt aber mangels Forschungsauftrages und Bindung fachkompetenter Ressourcen die geographische Tourismusforschung als Ganzes. Aufgrund fehlender Promotionsrechte und des gleichzeitigen Wegfalls von Promotionsmöglichkeiten an geographischen Instituten und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten an Universitäten beklagen aber auch FHs zunehmend einen Mangel an akademischen Nachwuchskräften, der inzwischen sogar die Tourismusbranche selbst alarmiert.

Daher lancierte der Deutsche Tourismusverband e.V. (DTV) im Herbst 2019 in Kooperation mit dem AKTF und der DGT eine „Kleine Anfrage“ an den Deutschen Bundestag zur „Förderung von Forschung und Lehre im Tourismus an den öffentlichen Hochschulen in Deutschland“ (ID: 19-253350, Deutscher Bundestag 2019a), die von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen eingebracht wurde. Wenig überraschend verwies das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in seiner Antwort (Deutscher Bundestag 2019b) auf die Zuständigkeit der Bundesländer für Bildung und zieht insgesamt ein positives Fazit, da die Anzahl der Studierenden in Tourismusfächern zunähme und die Zahl der Professuren steige. Nicht enthalten in den positiv klingenden Statistiken des BMBF ist jedoch die Tatsache, dass es sich bei beinahe allen dieser W2-Stellen um FH-Professuren ohne Promotionsrecht handelt und aufgrund eines Lehrdeputats von 18 Semesterwochenstunden, das faktisch häufig überschritten wird, wenig Zeit – und Muße – für Forschung übrig bleibt. Da es an FHs mit der Ausnahme von GIS-Stellen keine Geographie gibt, zählt Tourismus per definitionem zu den Wirtschaftswissenschaften, was zu einer anderen Orientierung des wissenschaftlichen Blicks und zum Verlust der geographischen Perspektive führt.

FH-TourismusprofessorInnen dürfen also weder wissenschaftlichen Nachwuchs promovieren (außer in noch seltenen Kooperationen mit Universitäten), noch können sie – verständlicherweise – aus zeitlichen Gründen den Fokus auf Akquise und Bearbeitung von Forschungsprojekten mit entsprechendem Publikationsoutput legen. WissenschaftlerInnen auf einer Universitätslaufbahn stehen hingegen vor dem Problem, für eine mögliche FH-Professur nur geringe oder keine Berufspraxis außerhalb des Hochschulbereichs aufweisen zu können – mindestens drei Jahre sind üblicherweise Voraussetzung für eine Berufung. FH-ProfessorInnen haben wiederum wenig Chancen, eine Universitätsstelle zu besetzen, da das wissenschaftliche Profil meist als nicht adäquat und als zu anwendungsorientiert erachtet wird. Dies bedeutet, dass alternative akademische Karrierepfade für NachwuchswissenschafterlerInnen aus der (geographischen) Tourismusforschung trotz des hohen Bedarfs der FHs problematisch sind und sorgfältig abgewogen werden müssen.

Ein gangbarer Weg für die Zukunft wäre die Integration von tourismusspezifisch ausgerichteten Modulen in geographische Bachelor- und Masterstudiengänge, um Studierenden die Möglichkeit einer Spezialisierung auf tourismusrelevante Inhalte bei einer gleichzeitig soliden gesamtgeographischen Ausbildung mit fachspezifischen methodischen Kompetenzen zu ermöglichen. Denkbar wäre ebenso die Fusion der Tourismus-Fakultäten an den FHs mit verbliebenen Universitäts-Tourismusstellen in der Geographie und anderen Fachrichtungen im Sinne einer eigenständigen Disziplin „Tourismusforschung“ (siehe z.B. Pechlaner/Zehrer 2017). Die Geographie könnte in solchen Zentren für Tourismusforschung als nach allen Seiten anschlussfähige Querschnittsdisziplin eine Schlüsselrolle einnehmen und gleichzeitig ihre öffentliche Sichtbarkeit erhöhen: Gerade die Tourismusforschung liegt im Grenzbereich der Geographie zu anderen Disziplinen, weshalb sich fruchtbare Verknüpfungsmöglichkeiten beispielsweise im Austausch von Theorien und Methoden ergeben. So wird etwa die Problematik des CO2-Ausstoßes ohne Berücksichtigung von touristischer und freizeitorientierter Mobilität kaum zu lösen sein. Gerade zu Themenbereichen, die Mensch-Umwelt-Beziehungen analysieren, könnte die Tourismusgeographie wichtige Beiträge leisten.

Dies müsste allerdings einhergehen mit stärkerer Forschungsorientierung (v.a. Promotionsrecht, Anreize für Grundlagenforschung und international gerankte Publikationen) und deutlich geringeren Lehrdeputaten für die FH-WissenschaftlerInnen, als es derzeit der Fall ist. International gesehen gibt es bereits einen ähnlichen Trend von TourismusgeographInnen weg von den Geography Departments hin zu Business und Management Schools (Müller 2014). Aufgrund bestehender Rivalitäten und Ressentiments zwischen Universitäten und FHs erscheint der aufgezeigte Ausweg für Deutschland derzeit aber wenig realistisch.

Aus unserer Sicht täte die akademische Geographie also sehr gut daran, die Teildisziplin der Tourismusgeographie nicht vollends aufs Abstellgleis zu lenken, da die Forschungsfragen, die gesellschaftliche Relevanz des Phänomens „Tourismus“, die internationale Anschlussfähigkeit an die Tourismusforschung, insbesondere aber die Nachfrage der Studierenden und des Arbeitsmarktes an breit ausgebildeten AbsolventInnen die Geographie als Ganzes stärken. Zugleich könnte mediales Interesse am Tourismus für die Geographie nutzbar gemacht werden.

TourismusgeographInnen müssen zudem achtsam sein, dass ihr besonderes Wissen, ihre fachlichen Kompetenzen und der räumliche Blick auf den Tourismus durch die Geographie, mit denen sie sich von anderen Disziplinen abgrenzen, nicht verloren gehen. Tourismus muss daher als ein Phänomen wahrgenommen werden, das insbesondere von der Gesellschaft geprägt wird und seinerseits die Gesellschaft prägt und nicht nur als eine Branche oder Cash Cow, die bestmöglich vermarktet wird.

Ziel sollte es daher sein, das Feld nicht allein den betriebswirtschaftsaffinen FHs zu überlassen, sondern eine kritische Tourismusforschung aus raumzeitlicher Perspektive anzustreben. Die Geographie ist geradezu prädestiniert, Tourismus als gesellschaftliches Phänomen kohärent und integrativ mit raumbezogenen Sachverhalten im Wandel der Zeitläufe zu erforschen. Spezielle Kompetenzen liegen etwa bei den Wechselwirkungen von Klimawandel und Tourismus, Biodiversitätsverlust und -schutz oder inhärent sozial- und kulturgeographischen Themen wie etwa Overtourism. Thematisiert werden könnten Fragen der ökologischen, sozialen und interkulturellen Dimension des Phänomens Tourismus, Raum- und Machtkonstruktionen sowie raumbezogene Diskurse. Kulturraumspezifische Spezialisierungen wären der Verquickung mit interkulturellen Begegnungen und dem Dialog sowie sozialer Nachhaltigkeit im Tourismus dienlich.

Erkenntnisse der Tourismusgeographie sind aber auch über den Tourismus und über den konkreten Untersuchungsfall hinaus von Bedeutung. TourismusforscherInnen müssten daher selbstbewusster auf diese Allgemeingültigkeit verweisen und vom konkreten Fallbeispiel abstrahieren. Die Geographie als wissenschaftliche Disziplin und akademische Aufhängung der geographischen Lehramtsausbildung kann es sich aus unserer Sicht nicht erlauben, das gesellschaftliche Phänomen des Tourismus sowie die begleitende Wirtschaftsbranche von erheblicher Bedeutung zu vernachlässigen – ein Phänomen, das von Steffen et al. (2015) zu den zwölf socio-economic trends der so genannten great acceleration gezählt wird. Deutlich wird hier die disziplinäre Relevanz, denn Tourismus ist einerseits ein elementarer Bestandteil eines Raums bzw. einer Region, weshalb sich die Geographie mit den räumlichen Prozessen auseinandersetzen sollte, und andererseits ist Tourismus in vielen Regionen inzwischen der einflussreichste Faktor für Veränderung – sei es in ökonomischer, ökologischer oder soziokultureller Hinsicht.

Damit diese Öffnung gelingen kann, braucht es in der Geographie aber wieder mehr universitäre Stellen, vor allem Professuren für ForscherInnen, die sich – nicht nur, aber auch – mit tourismusgeographischen Themen beschäftigen und diese in geographischen Studiengängen auch vermitteln. Auch muss sich die Situation der Promotionsmöglichkeiten verbessern, damit wieder eine kritische Masse an Nachwuchswissenschaftlern entstehen und die volle Bandbreite an Themen, Theorien und Methoden abgedeckt werden kann. Die Ignoranz der Geographie gegenüber dem Tourismus als Phänomen führt letztlich dazu, dass neue Wissenschaftszweige entstehen und dass wichtige und aktuelle Fragen den Geographiestudierenden und der breiten Öffentlichkeit nicht mehr vermittelt werden. Es sind nachweislich oft tourismusbezogene Themen und eine entsprechende Ausbildung, die das Interesse vieler Studierenden am Geographie-Studium und hinsichtlich späterer beruflicher Orientierung weckt und vielerorts die Studierendenzahlen in geographischen Studiengängen an Universitätsstandorten erhöht hat (z. B. Greifswald, Passau, Trier). Auch beinhalten schulische Lehrpläne in vielen Jahrgängen der Sekundarstufe I und II tourismusbezogene Themen oder Inhalte, die tourismusgeographisch abgehandelt werden können. Dies rechtfertigt die Vermittlung von Grundlagen der Geographie von Freizeit und Tourismus während der akademischen Ausbildung.

Zuletzt sollte bei dieser Diskussion nicht außer Acht bleiben, dass Universitäten heutzutage nicht mehr das klassische Bildungsziel verfolgen, für eine wissenschaftliche Laufbahn auszubilden, sondern viele Studierenden einschlägige fachliche Kompetenzen während einer grundlagen- und methodenorientierten Ausbildung erwerben wollen, die sie im späteren Berufsleben befähigen, ihnen gestellte Anforderungen und Aufgabenstellungen zu analysieren und geeignete fachliche Lösungen vorzuschlagen und zu implementieren. Davor sollte gerade die universitäre Geographie, deren Berufsfelder mannigfach sind, nicht die Augen verschließen. Es wäre daher zumal „gegenüber den Studenten unfair, dass so eine wichtige Sache nicht in den Curricula repräsentiert ist“ (Müller, 29.09.2019).

Literatur

Becker, C., Job, H., Witzel, A. (1996): Tourismus und nachhaltige Entwicklung: Grundlagen und praktische Ansätze für den mitteleuropäischen Raum. WGB: Darmstadt.

Butler, R. W. (1980): The concept of a tourist area cycle of evolution: implications for management of resources. In: The Canadian Geographer 24 (1), 5-12.

Deutscher Bundestag (2019a): Drucksache 19/13599. Kleine Anfrage der Abgeordneten Markus Tressel u. a. und der Fraktion BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN. Förderung von Forschung und Lehre im Tourismus an den öffentlichen Hochschulen in Deutschland, http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/19/135/1913599.pdf.

Deutscher Bundestag (2019b): Drucksache 19/14051. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Markus Tressel, Kai Gehring u. a. und der Fraktion BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – BT-Drs. 19/13599. Förderung von Forschung und Lehre im Tourismus an den öffentlichen Hochschulen in Deutschland, http://dipbt.bundestag.de/extrakt/ba/WP19/2533/253350.html.

Gans, P., Hemmer, I. (Hrsg.) (2015): Zum Image der Geographie in Deutschland: Ergebnisse einer empirischen Studie (=Forum IfL 29). Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde e.V. (IfL). https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-449322

Gössling, S., Scott, D., Hall, C. M. (2020): Pandemics, tourism and global change: a rapid assessment of COVID-19. In: Journal of Sustainable Tourism, https://doi.org/10.1080/09669582.2020.1758708

Hall, C. M. (2013): Framing tourism geography: Notes from the underground. In: Annals of Tourism Research 43, 601–623, http://dx.doi.org/10.1016/j.annals.2013.06.007.

Müller, D. K. (2014): ‘Tourism geographies are moving out’: A comment on the current state of institutional geographies of tourism geographies. In: Geographica Polonica 87 (3), 353-365. http://dx.doi.org/10.7163/GPol.2014.24.

Müller, D. K. (2019a): Tourism geographies: a bibliometric review. In: Müller, D. K. (Hrsg.): A Research Agenda for Tourism Geographies. Cheltenham: Edward Elgar, S. 7-22.

Müller, D. K. (2019b): Infusing tourism geographies. In: Müller, D. K. (Hrsg.): A Research Agenda for Tourism Geographies. Cheltenham: Edward Elgar, S. 60-70.

Pechlaner, H., Zehrer, A. (Hrsg.) (2017): Tourismus und Wissenschaft. Wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Perspektiven. Berlin: ESV.

Steffen, W., Broadgate, W., Deutsch, L., Gaffney, O., Ludwig, C. (2015): The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration. The Anthropocene Review 2(1) 81–98. DOI: 10.1177/2053019614564785

Steinbrink, M., Aufenvenne, P. (2017): Über Othering, Entgrenzung und Mainstreaming in der Neuen Kulturgeographie. Eine kleine Disziplinbeobachtung. In: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft 159, 83-104.